Der extreme neue Planungsvorschlag

In meinem ersten Post habe ich einen kurzen historischen Abriss geschrieben, was bisher zum Rahmenplan Karow geschah. Die Realität in ganz Berlin ist, dass Wohnungen fehlen und deswegen muss jeder Bezirk als eine hohe Priorität Wohnungsbau vorantreiben – vor allem in Pankow, das schnell wächst.

Das ist aus meiner Sicht auch richtig und gut. 

Allerdings beinhaltet der aktuelle Planungsvorschlag vom Juni 2019 drei extreme Positionen, die ich im Detail beschreiben will:

1. Dramatische Erhöhung der Bebauungsdichte

Der auf der 3. Planungswerkstatt vorgestellte Plan (siehe volle Präsentation hier) ist eine dramatische Umschreibung des gesamten Bebauungsplans für Karow: Neubaugebiete, Karow Nord und Alt-Karow. 

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1.1 Neubaugebiete

Die drei vordefinierten Neubaugebiete Am Teichberg, Straße 52 und Karow Süd sollen als Kategorie W1 (GFZ über 1,5) oder W2 (GFZ bis 1,5) im neuen Flächennutzungsplan (FNP) definiert werden. Kategorie W1 bedeutet dass es keine Grenze nach oben gibt wie hoch oder dicht gebaut werden kann. Es gibt dazu eine Legende der Stadt Berlin (PDF), die sehr schön erklärt, was dies praktisch bedeutet: Auf Seite 4 beschreibt die Legende die Kategorie W1 als: “Überwiegend traditionelle Block-und Blockrandbebauung, fünf und mehr Geschosse.” Und zeigt dann diese Altbauquartiere in der Berliner Innenstadt und Neubaugebiete der 90er Jahre mit bis zu sieben Geschossen. Es gibt keine Maximalgrenze in dieser höchsten Kategorie, d.h. auch neun- oder zwölfstöckig ist möglich.  

Kategorie W2 bedeutet laut Legende “Überwiegend Zeilenbau, Blöcke der 20er Jahre, Großbauformen, drei bis fünf Geschosse (auch Hochhäuser in Großsiedlungen).” Karow als Hellersdorf?

1.2 Karow Nord

Karow Nord, das Neubaugebiet der 90er Jahre, das die Einwohnerzahl von Karow mehr als verdoppelte, soll von bisher mehrheitlich Kategorie W3 (GFZ 0,8, d.h. 3-4 geschossigen Einzelhäusern) auf Kategorie W1 umdefiniert werden. Baulücken in Karow Nord könnten damit mit sieben Geschossen oder auch mehr gefüllt werden und bestehende Gebäude auf sieben oder mehr Geschosse aufgestockt werden. Es gibt einen kleinen Teil von Karow Nord, direkt bei der A10,  der heute im Bebauungsplan Kategorie W2 ist, der auch auf Kategorie W1 erhöht werden soll. Fast ganz Karow Nord soll laut neuem Plan und der Legende dort als W1 (GFZ über 1,5) umdefiniert werden.

1.3 Alt-Karow

Ein Teil von Karow, wo im Moment Kategorie W4 (GFZ 0,3) gilt soll auf Kategorie W3 (GFZ 0,6-0,8) hochgestuft werden. Die Übergänge zu den höheren Kategorien sind vielen Bereichen sehr schmal (30 Meter) geplant. 

Wenn man die im Juni vorgelegte Planungsgrafik mit dem aktuellen Flächennutzungsplan vergleicht ist klar und deutlich, was die extreme Absicht des neuen Plans ist: Karow, wie es heute mit Alt-Karow und Karow Nord als vorstädtisch geprägter Raum besteht, soll abgeschafft werden. Es ist ein wirklich dramatischer Schritt, den Nutzungsplan von mehrheitlich Kategorie W3/W4 auf Kategorie W1/2 umzuschreiben. 

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Bisheriger Nutzungsplan
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Entwurf neuer Nutzungsplan

Diese Veränderung wird im Moment verschleiert, da alle Gebäudezeichnungen in der dritten Planungswerkstatt nicht über Kategorie W2/3 (max GFZ 1,08) hinausgehen (siehe Folien 18-21). Warum Zeichnungen von 3-4 geschossigen Einzelhäusern in Kategorie W3 zeigen, wenn der wirkliche Plan Kategorie W2 und W1 ist? Und warum zeigt keine einzige Zeichnung ein Beispiel für Kategorie W1 (GFZ über 1,5), auch wenn W1 geplant ist? Ist es zu unschön die wirklich geplante Dichte und/oder Höhe der Gebäude zu zeigen?   

Warum soll der Plan für den gesamten Raum Karow umgeschrieben werden und warum in so einer extremen Art und Weise? Karow Nord und die Gebäude der 90er Jahre dort könnten ein gutes Beispiel sein wie man sozial erfolgreich und relativ maßvoll bezahlbaren Wohnraum schaffen kann (trotz einiger Probleme, die auch der Bau von Karow Nord brachte). Was sollen Hochhäuser und/ oder Innenstadtbebauung in Karow?

2. Fehlen eines zeitnahen Verkehrskonzeptes

Der gesamte Nordosten von Berlin leidet bereits heute unter schweren Verkehrs- und Infrastrukturproblemen. Die S-Bahnen sind zu Stoßzeiten überfüllt, Autofahrer stehen im Stau und die gesamte Infrastruktur ist veraltet und muss über die kommenden Jahre und sogar Jahrzehnte erneuert werden. Der aktuelle Rahmenplan der 3. Planungswerkstatt umfasst zwar in Folien 30-40 Informationen zum Thema Verkehr, aber wenn man sich den Zeitplan auf Folie 33 genau anschaut, gibt es genau drei Aspekte zum Thema Verkehr, die bis Baubeginn 2025 stattfinden sollen:

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  • die schrittweise Beschaffung von E-Bussen
  • die Radschnellverbindung Panketrail
  • die B2 Verbindungsstraße Karow

Alle anderen Maßnahmen sind entweder nicht festgelegt:

  • A114 Vollanschluss Bucher Straße
  • Ortsumfahrung B2 Malchow 

Oder die Maßnahmen beginnen frühestens mit der Umsetzung 2025-30 oder 2035 (d.h. 5-10 Jahre oder später nachdem die Gebäude ab 2025 entstehen sollen): 

  • Neubau Bahnhof Karower Kreuz (ob der angesichts des andauernden Streits zwischen Senat/ Bahn auf der einen und Bezirk auf der anderen Seite je entsteht und welche Rolle er bei gerade zu klein neugebauten Brücken spielen kann steht wirklich in den Sternen)
  • S-Bahn Ausbau zwischen Buch und Bernau (wie das Karow genau hilft ist mir im Moment unklar)
  • Verlängerung der S75 ab 2035 (vielleicht mal irgendwann würde ich sagen)
  • FNP Trasse nach 2030 (…)

Ich bin keine Verkehrsexpertin, aber E-Busse auf verstopften Straßen, eine B2 Verbindung, die dann in den Stau in Malchow einspeist und – so gerne ich als Grünen-Wählerin Rad fahre – der Radschnellweg über 10 km einfache Strecke in die Stadt bei -10C im Winter sind keine Verkehrslösung, kein Plan, sondern ein Scherz. Man kann den Plan auch so zusammenfassen: Wir machen Innenstadtbebauung ohne Innenstadtinfrastruktur und hoffen, dass es wie durch ein Wunder irgendwie doch funktioniert. Die Anwohnervertreter im Beirat haben auf dieses Problem immer wieder hingewiesen und daraufhin wurde das Thema Verkehr einfach von der Agenda genommen – anstatt es anzugehen. Das ist nicht gut genug. 

3)    Schichtenwasser wird für Alt Karow ausgeblendet

Das dritte und letzte Problem, das nur die Einwohner in Alt-Karow betrifft, ist, dass ihnen bereits beim Neubau von Karow Nord in den 90ern – als Resultat des Schichtenwasser-Problems in der Gegend – die Keller über Jahre mit Wasser vollgelaufen sind. Die aktuellen Planungen sehen nun trotz dieser Erfahung in der Vergangenheit nur für die Teile der Neubaugebiete Schichtenwasser-Lösungen vor (Folie 27). Wer im Rest von Karow ist und dort schon länger lebt, kann sich auf ein zweites Absaufen der Keller über Jahre einstellen. 

Fazit

Es gibt noch mehr zu den einzelnen drei großen Problemen zu schreiben, was ich in weiteren Posts auch tun werde, aber ich hoffe ich konnte hier zeigen, dass der im Juni vorgelegte Plan unzureichend und aggressiv ist:

  • Es sollen Häuser in einer Dichte in Karow entstehen, die den bestehenden Charakter von Karow als Vorstadt zerstören
  • Es gibt keinerlei schlüssiges oder realistisches Verkehrskonzept, das in Zukunft allen bestehenden und neuen Karowern ermöglicht in die Innenstadt zu pendeln
  • Bestehende Karower können sich auf den Film “Mein Keller säuft ab” Teil 2 einstellen, da Schichtenwasser nur in den Neubaugebieten gemanagt werden soll

Was also tun?

Die Anwohnervertreter im Beirat haben drei konkrete Vorschläge:

  1. Die Neubaugebiete in Karow sollen auf W3 (GFZ 0.8) mit einem Übergang von 50 Meter beschränkt werden
  2. Es muss ein schlüssiges, stufenweises Verkehrskonzept existieren bevor neue Wohngebiete geplant werden, damit ein totaler Verkehrsinfarkt im Nordosten von Berlin vermieden wird
  3. Es muss einen Plan geben, der das Schichtenwasser Problem für gesamt Karow betrachtet und betroffenen Anwohnern Lösungen anbietet

Alle drei Punkte sind im Einwohnerantrag für die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) aufgelistet. 

Bitte unterschreibt die Listen.

Die Listen liegen an den folgenden Orten aus:

  • Birken-Apotheke, Bahnhofstraße 17
  • Schumacher, Achillesstraße 67
  • Stiftikus, Achillesstraße 63
  • Lottoladen, Achillespassage
  • Frisör Priebe, Bahnhofsstraße 18
  • Pysiotherapie Schulz & Kernchen, Bahnhofstraße 62
  • Physiopraxis Alt Karow 54
  • Zahnarzt Praxis Ellen Tietz, Schräger Weg 20
  • Berliner Schnauzen, Achillesstraße 50
  • Sanvital Sanitätshaus, Bahnhofsstraße 5
  • Ohmen Frisör Alt-Karow 60
  • Spielwarengeschäft Kleiner Schlauberger, Achillesstraße 57
  • Mondstein Yoga, Bahnhofsstraße 5
  • Kita Busonistraße, Busonistraße 145

Man kann sich die Liste und den genauen Wortlaut des Antrages auch online hier herunterladen und ausgefüllte Listen an jedem der oben genannten Orte abgeben.

Wir brauchen so viele Unterschriften wie möglich, damit der Antrag von der BVV ernsthaft diskutiert wird. 

 

4 thoughts on “Der extreme neue Planungsvorschlag

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